Von Andrea Pfeiffer:

Ich fühle die Risse heute wieder stärker. Es gibt Tage, da wache ich bereits mit diesem Gefühl auf. Mein ganzes Energiesystem fühlt sich dann löcherig an. Wie einen alten, zerschlissenen Pullover trag ich es mit mir rum, kaum Hülle, kaum Schutz um mich herum. Jeder finstere Blick trifft mich dann bis ins Mark, jedes gehässige Wort brennt sich mir tief ins Herzgewebe.

Es ist nicht gut, mich der Aussenwelt auszusetzen, wenn ich so dünnhäutig bin, aber es lässt sich oftmals nicht vermeiden. Heute ist einer dieser Tage. Ich habe schlecht geschlafen, fühle mich ausgelaugt, die Welt zerrt an mir. Immer wieder ertappe ich mich bei düsteren, grüblerischen Gedanken.

Als ich mich nach der Arbeit auf den Heimweg mache, wird mir beim Gedanken an den proppenvollen Bus bereits schlecht. Ich beschliesse einen Umweg zu machen, um auf den etwas weniger ausgelasteten Zug auszuweichen.
Ich spaziere durch die sonnengeflutete Stadt, die mir heute besonders zweigeteilt vorkommt. Auf den Strassen und in den Läden drängen sich die Unmaskierten, aus dem vorbeifahrenden Tram gucken halbvermummte Gesichter heraus. Die Willkür und Widersprüchlichkeit der Massnahmen springen einem sofort ins Auge und ich höre von immer mehr Menschen, die nichts davon mehr ernst nehmen können. Trotzdem halten die meisten von ihnen den Mund. Sie treffen sich zu geselligen Abenden, sitzen Seite an Seite und scheren sich einen feuchten Dreck um Hygienemassnahmen - und am nächsten Tag montieren sie alle brav ihre Masken, sobald sie in den Zug steigen, um auch ja keine Angriffsfläche zu bieten. „Ich habe keine Lust auf die Konfrontationen“, höre ich häufig. Und ich kann es verstehen. Wirklich. Nach den vergangenen Wochen komme auch ich besonders an Tagen wie diesen an den Punkt, wo ich einfach nur untertauchen, hinter einer Maske aus Anonymität und Pseudo-Zugehörigkeit verschwinden möchte, anstatt alle Blicke auf mich zu ziehen und jedem mein nacktes, verletzliches Gesicht zu zeigen. Der Mist ist, ich kann keine Maske tragen. Ich hab’s probiert, das könnt ihr mir glauben. Aber aufgrund von gewaltvollen Erfahrungen in meiner Biographie löst alles, was mir Mund und Nase bedeckt, eine schrille Panik in mir aus. Wie ich erfahren habe, bin ich nicht die einzige mit diesem Problem. Das Aufsetzen der Maske wirkt bei manchen retraumatisierend, der Weg zur Arbeit wird zum Psychostress, denn manche Mitmenschen fühlen sich dazu ermächtigt, allen, denen es aus ihrer Sicht an Verantwortung mangelt, das Leben schwer zu machen. Manchmal macht mich das so wütend, dass ich aus der Haut fahren möchte. Diesem Scheiss muss ich mich aussetzen, weil unsere PolitikerInnen nach eigenen Angaben erklärt haben, dass Masken zwar kaum Nutzen, dafür aber umso mehr Signalwirkung haben. Irgendwie muss man die Bevölkerung ja daran erinnern, dass eine Killerseuche herrscht, sonst würden wir - aufgrund des Mangels an tatsächlich Erkrankten und Toten - alle zurückkehren zu unserem normalen, lebensgefährlichen Leben. Nicht auszudenken, sowas.

Ich steige also ohne Maske in den Zug und stelle erleichtert fest, dass er halb leer ist. Neugierige Blicke streifen mich, aber ich fühle keine nennenswerte Dissonanz. Niemand interessiert sich für mich, ich kann mich also entspannen.
Nach einigen Haltestellen steigen weitere Leute dazu und jemand setzt sich schnaufend ins Abteil quer hinter mir. Bald darauf spüre ich dieses seltsame Brennen, welches mich immer dann befällt, wenn mich jemand mit Blicken und Gedanken attackiert. Ich blicke mich um, ein älterer Mann stiert mich böse an. Ich wende mich wieder meinem Fenster zu, versuche den Mann und das Brennen zu ignorieren und mich auf die vorbeiziehende Landschaft zu konzentrieren. Wald, Wiesen, Felder, Strassen, alles in wunderschönes Licht getaucht, alles gut, bald bin ich zu Hause. Trotzdem bleibt mein Körper angespannt, mein Atem bleibt flach. Als ich schliesslich meine Sachen zusammen räume, um bald auszusteigen, scheint der Mann nicht mehr an sich halten zu können. Er beugt sich nach vorne und zischt mir zu, wie eklig er mich findet

Comments

Be the first to add a comment