https://www.welt.de/kultur/plus216736452/Daniel-Kehlmann-Wir-waeren-weiter-wenn-wir-das-Hygienetheater-lassen-wuerden.htmlSchriftsteller Daniel Kehlmann
"Ich werde mich in der demokratischen Zivilgesellschaft nie wieder so sicher fühlen wie früher. Denn ich habe ja jetzt gesehen, wie schnell unter dem Druck der Angst wesentliche Freiheitsrechte reduziert werden können. Das ändert das Verhältnis, das man zur Gesellschaft hat. Mir ist eine gewisse Naivität verloren gegangen.
Das ist aber gut so, weil diese Naivität offenbar auch nicht berechtigt war. Ich wusste das nicht, dass in unser Gesetzeswerk gewissermaßen eine Bombe eingelassen ist, diese Sprengkapsel des Infektionsschutzgesetzes, das ja sogar erlaubt, Menschen bei Zuwiderhandlungen in psychiatrische Kliniken zu sperren. Jetzt weiß ich es und werde es nicht mehr vergessen.
Und auch potenzielle Autokraten wissen jetzt sehr gut, dass eine Epidemie ein sehr effektiver Weg zur Machtergreifung sein kann. Besonders interessant fand ich aber, wie schnell viele Menschen bereit waren, wieder in den Denunziantenmodus überzugehen.
Dass die Polizei in Brandenburg die Leute irgendwann bitten musste, doch von Anzeigen gegen Quarantäneverstöße abzusehen, weil man ihnen in dieser Menge gar nicht mehr nachgehen könne, das war schon drastisch. Die Stunde des Blockwarts hatte geschlagen."
@Kulturstudio