„Der ultimative Test für meine linke Gesinnung war die Einschulung meiner ältesten Tochter. Wir hatten die Wahl zwischen mehreren Schulen. Auf der einen, nahe gelegenen, gibt es kaum Migranten. Die andere, etwas weiter weg, hat einen Migrantenanteil von rund 80 Prozent. Gelebte Vielfalt, dachte ich, heißt ja nicht nur, im türkischen Supermarkt einzukaufen, weil sich das so schön nach Urlaub anfühlt. Also ging ich zu der zweiten Schule und sprach mit der Direktorin. Als ich ihr Büro verließ, war gerade Pause. Ich stellte mich auf den Schulhof, bis die Glocke zur nächsten Stunde läutete. Ich kam wieder und schaute mir noch eine Pause an. Kaum ein Kind sprach Deutsch, die meisten Türkisch oder Arabisch. Der Ton war rau, der Umgang ruppig. Später hörte ich von Kindern mit Migrationshintergrund, die Kinder ohne Migrationshintergrund mobbten. Ich meldete meine Tochter auf der anderen Schule an.

Sie ist sehr glücklich dort. Mir hängt die Entscheidung nach. Kann ich mich noch links nennen, obwohl ich für meine Tochter Homogenität statt Vielfalt gewählt habe? Aber würden das nicht die meisten tun? Sind Konservative da nur ehrlicher? Und Linke zu wenig aufrichtig? Die Angst, rassistisch zu wirken, verstellt, finde ich, ihren Blick: Kinder mit Migrationshintergrund haben es schwer, aber manchmal machen sie es auch anderen schwer. Opfer sind Täter sind Opfer sind Täter. Nur wer diese Ambivalenz aushält, wird Lösungen finden.

Solche Überlegungen fallen mir nicht leicht, weil ich mir so sicher war, als politisch links stehend zu den Guten zu gehören. Insofern kommt es für mich einer Vertreibung aus dem politischen Paradies nahe, dass ich mich von dort entferne. Zugleich kann ich nichts dagegen tun. Progressiv, das ist so ein Adjektiv, das ich immer mit Linkssein verbunden habe. Heute erscheinen mir viele Linke in ihrer Realitätsverweigerung eher regressiv.

Anfang des Jahres traf ich eine alte Freundin auf der Straße wieder. Es war kalt, und wir sprachen nur kurz, aber sie empörte sich trotzdem sofort über die Kölner Silvesternacht und das racial profiling, das ihrer Meinung nach dort stattgefunden hatte. Meine Frage, wen die Polizisten denn hätten kontrollieren sollen, wenn nicht Männer, die den Tätern vom Vorjahr ähnelten, beantwortete sie nicht. Stattdessen sagte sie, dass die sexuellen Übergriffe damals doch nichts anderes als Oktoberfest-Grapschereien gewesen seien.

Diese Form von politischer Korrektheit ist für mich die linke Variante von Fake-News. Alles, was auch nur im Entferntesten mit dem Islam zu tun hat, ist im linksliberalen Milieu fast sakrosankt. Besonders deutlich wurde mir das bei der öffentlichen Vorstellung des Buches Inside Islam. Darin dokumentiert der ARD-Journalist Constantin Schreiber die Freitagspredigten, die er in 13 deutschen Moscheen gehört hat. Sein Fazit: hochpolitische Inhalte, Aufrufe zur Abgrenzung, antisemitische Hetze. Die Zuhörer, die zu der Präsentation in die Bibliothek des Verlages gekommen waren, reagierten irritiert: Ob er nicht befürchte, Applaus von den Falschen zu bekommen? Und ob er nicht in anderen Moscheen ganz andere Sachen gehört habe?

Mag sein. Aber man muss sich nur einmal vorstellen, was los gewesen wäre, wenn solche Äußerungen in irgendeiner Kirche in Deutschland gefallen wären. Sofort hätten alle, die sich links nennen, aufs Heftigste protestiert. Wo bleibt eigentlich der Aufschrei angesichts der Verfolgung von Frauen, Homosexuellen oder Christen in islamischen Ländern? Als Außenstehender dürfe man sich da kein Urteil anmaßen, das sei eben eine andere Kultur, höre ich dazu von einigen Linksliberalen. Damit sprechen sie einer ganzen Gruppe von Menschen aufgrund ihrer kulturellen Herkunft die Fähigkeit ab, sich aufgeklärt zu verhalten. Ist nicht genau das ein rechtes Denkmuster?“

https://archive.md/jlYxC

9 comments

Martin S
Ich kann Sie beruhigen Mein grüner Arbeitskollege hat das mit der Einschulung auch so gemacht ohne Selbsttest und schlechtes Gewissen
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag lieber Oli !!!
JSK B
Für die Linken gilt grundsätzlich: wir sind die Guten (immer), alle anderen die Bösen, die es zu bekämpfen gilt. Im Notfall bauen sie eine Mauer um sich herum und wer nicht zu den Guten gehören will, wird auf der Flucht erschossen. Das walte Mielke..
Simon
Diese Linken Kulturrelativierer sind ja so unendlich dumm. Jetzt weiss ich warum im Jugoslawienkrieg sich alle an die Gurgel gegangen sind, egal ob Nachbar oder Freund
Bettina Thurner
Auch ich wünsche Dir, lieber Oli, alles erdenklich gute zu Deinem Geburtstag. Möge Dir noch lange viel Kraft vergönnt sein, das Unfassbare aufzudecken und zu verbreiten. Privates Glück, Gesundheit und viele, freudige Momente im kommenden Lebensjahr. Liebe Grüße Bettina
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! 🍾
Hannes Pammer
Am gleichen Tag wie die heilige Greta. Wenn das kein gutes Omen ist 😁
Michael Haberzettl
Alles erdenklich Gute zu Deinem Ehrentag!!!
An dieser Stelle möchte ich mich auch von Herzen für Deine unglaublich gute und ausdauernde Aufklärungsarbeit bedanken!
Ich wünsche uns allen dass die ganze Mühe hoffentlich auch bald Früchte trägt. In diesem Sinne, lass Dich ordentlich feiern, LG aus Weimar, Micha H.
Alles Gute zum Geburtstag