Teil IV

ZEIT: Was treibt Putin an? Ist es Patriotismus, ist es übersteigerter Nationalismus? Nostalgische Sehnsucht nach der Sowjetunion, Größenwahn?

Schmidt: Es ist kein Größenwahn. Wenn Sie sich an die Stelle von Putin denken, dann würden Sie wahrscheinlich ähnlich in Sachen Krim reagieren, wie er reagiert hat.

ZEIT: Betrachtet sich Putin als neuen Zaren, der sozusagen die russische Erde wieder sammelt?

Schmidt: Nein, das würde ich nicht sagen. Bei der Phrase von der Sammlung russischer Erde ging es um die Kaschierung des russischen Imperialismus. Aber natürlich sieht er sich in der Nachfolge hinter Peter, hinter Katharina, hinter den Romanows und als Nachfolger von Lenin.

ZEIT: Versteht er etwas von Wirtschaft?

Schmidt: Ich glaube, er ist in Wirtschaftsfragen abhängig von seinen Beratern. Es gibt zurzeit weder in Amerika noch in Russland, noch in England oder in Frankreich, noch in Deutschland, es gibt überhaupt kaum irgendwo einen Staatschef mit ökonomischem Überblick.

ZEIT: Nun unterscheidet sich die heutige Situation von der des Jahres 1968, als Breschnew in Prag einmarschiert ist, dadurch, dass Russland inzwischen Teil der Weltwirtschaft ist. Müssten die wirtschaftlichen Interessen nicht Putin davon abbringen, eine zu aggressive Politik zu betreiben?

Schmidt: Ich bin kein Fachmann für diese Fragen. Richtig ist Ihre Feststellung, dass die russische Wirtschaft Teil der Weltwirtschaft geworden ist.

„Putin ist kein Nachfolger von Iwan dem Schrecklichen“

ZEIT: Aber im Zweifel sind die Machtinteressen wichtiger als die wirtschaftlichen Interessen?

Schmidt: Das weiß ich nicht. Russland ist heute vom Auf und Ab der Weltwirtschaft stärker abhängig, deutlich stärker, als zur Zeit der Sowjetherrschaft – gar kein Zweifel.

Wieweit sich diese Abhängigkeit Herrn Putin mitgeteilt hat, kann ich schlecht abschätzen, aber ganz sicher ist Putin alles andere als ein Nachfolger von Iwan dem Schrecklichen.

ZEIT: Droht Europa ein neuer Kalter Krieg?

Schmidt: Zurzeit nicht. Das hängt davon ab, ob die McCains und andere Scharfmacher Erfolg haben. Aber zurzeit ist diese Gefahr nicht akut.

Ende Teil IV

Comments

Be the first to add a comment