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Die Wahl als Erlebnis

Nach einer Nacht des Grübelns, was ich denn nun wählen sollte, startete ich den Wahltag mit der Frage des Gewissens: "Kann ich es mit mir und meinem Gewissen vereinbaren Partei XY zu wählen?!"... Ich richtete mich bürgerlich-schick her, um die heilige Wahl mit meinem Antlitz nicht zu entweihen und um nicht bei der anwesenden Wählergemeinde und den Wahlhelfern sofort als AfD-Wähler oder Landstreicher abgestempelt zu werden. Bevor ich vor die Tür trat atmete ich noch ein Mal tief durch und sagte mir: "Wenn du in der ehrwürdigen Wahlkabine sitzt (die durch einen Sichtschutz aus Pappe die Anonymität deiner Wahl gewährleistet), musst du dich endgültig entscheiden!". Der weite und steinige Pfad zum örtlichen Wahllokal glich einer inneren und auch äußeren Schlacht, die das Schiksal herausforderte. Ich verließ mein Heim und begann den schwierigen, höchst tugendhaften (darüber hinaus gibt es nichts mehr!), demokratischen Marsch und hielt die Augen offen nach antidemokratischen Bösewichten, die mich vom Wählen abhalten wollen - es war ein reinster Spießrutenlauf, doch glücklicherweise blieben kämpferische Auseinandersetzungen aus. Als ich das Wahllokal erreichte war ich überglücklich, nicht nur, weil ich es endlich geschafft hatte, sondern auch, weil der vorgefundene "Schub" an Wahlfreunden übermäßig weiblich war - dieses Frauenwahlrecht, was für eine wundervolle und erhöhende Errungenschaft! Gleich am Eingang des Wahllokals lächelte mich aus dem rechten Fenster ein Plakat an, welches an die Scheibe von innen befestigt war: "Schöner leben ohne Nazis". "Jawohl", dachte ich mir, "Danke für diese wichtige Botschaft". Das Wahllokal war natürlich ein demokratisches Sakralgebäude, welches nicht "Kirche" heißt, sondern viel höher steht als diese und "Schule" genannt wird. Ich hatte wirklich Glück, denn der Gott der Demokratie (wie hieß er noch gleich? "Mammon"?) stand mir zur Seite, denn es waren keine "Wahlbeobachter" vor Ort, die, obwohl sie einwandfreie Demokraten sind, an blasphemische Hypothesen wie "Wahlbetrug" glauben, den sie - wenn sie könnten - natürlich selbst anwenden würden. Andere hatten da nicht soviel Glück, aber wir Gedenken ihnen zu jeder Minute, in jeder Doku und Nachrichtensendung, sowie zu jeder Gewerkschaftsdemo und jeder Demo für das Recht und gesellschaftliche Anerkennung Neugeborene vorne am Körper tragen zu dürfen. Nun befand ich mich also mitten in den heilgen Hallen, gab meine güldend-anmutend glänzende Wahlbescheinigung der ersten dort in Klar- und Wachheit sitzenden, durch die Gnade der Demokratie auserkorenen Edelperson (m/w/d), nachdem man mich mit prüfenden, erfahrenen Blicken gemustert, dann aber schließlich freundlich begrüßt hatte. Sie übergaben mir schließlich das wichtigste, entscheidende Dokument, auf dem ich meine wichtigen, alles entscheidenden zwei Kreuze machen sollte, die solch einen höchsten Wert haben, wie die eines Doktors in Alkoholexzesse und Komasaufen. Ich setzte mich, betete noch einmal zur hohen Heiligkeit der Wohlstandsgesellschaft und vollendete das Ritual durch ein Kreuz bei den Fähigsten der Fähigen - den Grünen - und eines bei den Vertrauenswürdigsten (vertrauenswürdig ist ja an sich jede legitime demokratische Partei!), den Sozialdemokraten. Für ähnlich fähig wie die Grünen, halte ich im übrigen die Blauen - vielleicht ziehe ich sie beim nächsten Mal in Betracht. Der Rückmarsch von dieser Tortur war dann entspannt - das Schlachtgetöse war vorüber - und meine demokratische Pflichterfüllung segnete mich auf meinem Weg.
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