Nun kann man sich lebhaft vorstellen, welche Wirkungen ein solch furchtbares Dogma auf den einfachen Gläubigen der Reformationszeit und der darauf folgenden Generationen haben musste. Jeder würde dann doch unbedingte Gewissheit haben wollen, dass er zu den Angenommenen gehört und da man sich alleine durch Annahme eines solchen widersinnigen Gedankens selbst von der inneren Liebesverbindung zu Gott abschneidet, so braucht es „äußere Beweise“ für die eigene Erwählung. Und das wurde dann, auch nicht unbedingt logisch folgerichtig, durch das Maß der eigenen materiellen Prosperität definiert. Wer viel produziert und es dadurch zu einem gewissen materiellen Wohlstand bringt, hat damit den Beweis erbracht, dass der „Segen Abrahams“ auf ihm ruhe und er damit Teil des ewigen Gottesvolkes ist. So die Erklärung von Max Weber.
Demnach wäre also materieller und finanzieller Erfolg nicht einfach nur eine Folge tüchtigen Wirtschaftens, sondern gleichzeitig Ausdruck des eigenen „Erwähltseins“ vor Gott.
Dieser Geist wurde dann in der Folge von puritanischen Gruppen übernommen, von denen viele dann auch nach Amerika auswanderten und darum ist dieser ganz spezifische Geist des Arbeitsethos auch heute noch besonders in den Vereinigten Staaten überaus lebendig. Dazu gehört oft die Einstellung, dass man trotz seines Reichtums eher bescheiden, manchmal fast spartanisch lebt und nicht sein Geld für sinnliche und materielle Vergnügungen, aber auch nicht groß für humanitäre Zwecke, ausgibt. Arbeit um der Arbeit willen! „Ich arbeite und habe es zu etwas gebracht, kann etwas vorzeigen, also habe ich eine Berechtigung zu existieren!“
Nun, man könnte eine solche Einstellung als eine der vielen Fehlentwicklungen des menschlichen Denkens einordnen und abtun, im Sinne von Goethes Wort„ Es irrt der Mensch solange er strebt “, wäre da nicht ein unterschwellig unangenehmes Gefühl, das sich in unserem Gewissen meldet, weil wir vielleicht spüren, dass eine solche Einstellung ja gar nicht so weit weg ist von dem, was in unserer Gesellschaft verbreitet und auch in unserem eigenen Unterbewusstsein verankert ist. Daraus könnten sich dann beispielsweise Gedankenschlüsse wie diese ergeben:„ Ein bedingungsloses Grundeinkommen widerspricht der menschlichen Natur, weil der Mensch sich dann nur noch auf die faule Haut legen würde.“ „Arbeit ist Mühe und ohne Druck geht es nun mal nicht.“
Und so sieht dann heute auch überwiegend immer noch unser Verhältnis zur Arbeit aus. Die einen, meist die weniger gebildeten, „arbeiten, weil sie müssen.“ Die Privilegierten, überwiegend Akademiker, arbeiten, weil sie ebenfalls müssen und sich zusätzlich, ähnlich wie die Puritaner, damit einen Wert zuweisen können, der über dem des „Fußvolkes“ steht. Nicht nur, dass man als „Rechtanwalt, Arzt, Professor, Filmemacher“, tätig ist und damit in der gesellschaftlichen Rangordnung materiell weit oben steht, nein, man definiert sich persönlich auch über seinen beruflichen Status. „Ich bin Rechtsanwalt, Arzt, Professor etc.!“ So steht dann oft auch in den Todesanzeigen etwas makaber, z.B. „Heinz Hirneis, Prof. im Ruhestand“.
Aus spirituell-esoterischer Sicht könnte man nun argumentieren, nun das ist zwar bedauerlich, aber was hat das mit uns zu tun, wir streben doch nach ganz anderen Werten, uns geht es doch gar nicht ums Materielle.Wirklich? Spüren, die meisten von uns nicht auch eine gewisse Befriedigung und Genugtuung, wenn wir das Schild an unserer Haustür sehen, auf dem es heißt „Hans Krampf, Heilpraktiker“ oder „Simone Stolz, Kinesiologin“?
Und schleicht sich nicht sofort bei vielen von uns ein schlechtes Gewissen oder ein ganz mulmiges Gefühl ein, wenn wir mal ein paar Tage, ja ein paar Stunden nur, „nichts Nützliches mit unserer Zeit anfangen“?Genau hinter diesem Gefühl verbirgt sich unser kollektives Erbe calvinistischer Arbeitsethik, ob uns das nun bewusst ist oder nicht.

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