Jungs transzendente Funktion & der Weg aus der PolarisierungKENNY CARMODY am 15. Juni
Übersetzung: Google, Redaktion: Hans Tolzin
Im Jahr 2021 gab es zwei Lager. Und jedes war sich sicher, dass das andere nicht nur im Unrecht, sondern gefährlich war.
Die Angepassten sahen die Hinterfragenden als egoistisch, ignorant und lebensgefährlich an. Die Hinterfragenden sahen die Angepassten als gefangen, feige und mitschuldig. Der Raum zwischen ihnen – in dem echtes Nachdenken und echte Gespräche zu echtem Verständnis hätten führen können – war systematisch zerstört worden.
Jung hatte einen Begriff für jene psychologische Funktion, die genau in einer solchen Lähmungssituation wirksam wird.
Die transzendente Funktion.
Sie entsteht, so Jung, an dem Punkt maximaler Spannung zwischen zwei gegensätzlichen Positionen, die sich nicht allein durch Argumente versöhnen lassen. Nicht durch die Wahl einer Seite. Nicht durch einen Kompromiss in der Mitte. Sondern dadurch, dass man beide Positionen gleichzeitig – in echter Spannung – aushält, und zwar lange genug, bis etwas wahrhaft Neues entstehen kann.
Die transzendente Funktion ist kein Kompromiss. Sie ist nicht die schwache Mitte. Sie ist das „Dritte“, das keine der beiden Positionen aus sich selbst heraus hätte hervorbringen können; jene Position, die die Wahrheit beider Seiten integriert und die Grenzen beider überwindet.
Die Pandemie brachte die transzendente Funktion fast augenblicklich zum Erliegen.
Nicht, weil die Positionen prinzipiell unvereinbar gewesen wären. Das waren sie nicht. Echte Sorge um die öffentliche Gesundheit und das Eintreten für echte Autonomie sind keine Gegensätze. Der Respekt vor kollektiven Risiken und der Respekt vor dem individuellen Gewissen schließen einander nicht aus. Die Komplexität der Faktenlage erforderte genau jene Art von mehrdimensionalem Denken, das die transzendente Funktion hervorbringt.
Doch die Systeme, die den öffentlichen Diskurs prägen – soziale Medien, Nachrichtensender, behördliche Kommunikation, institutionelle Positionierungen –, sind nicht darauf ausgelegt, die transzendente Funktion zu fördern. Sie sind darauf ausgerichtet, die binäre Spaltung zu verstärken und zu verschärfen.
Denn das binäre Schema fesselt die Aufmerksamkeit. Es erzeugt Empörung. Und Empörung sorgt für Klicks, Shares, Einschaltquoten und Konformität.
Die transzendente Funktion erfordert etwas, das das binäre Schema nicht zulässt. Echte Ambiguitätstoleranz. Die Fähigkeit, Ungewissheit auszuhalten, ohne sie voreilig zugunsten einer Lagerzugehörigkeit aufzulösen.
Diese Fähigkeit ist nicht angeboren. Sie muss erarbeitet werden. Durch die langsame, persönliche Arbeit, Widersprüche lange genug auszuhalten, um zu hören, was sie tatsächlich aussagen.
Die Menschen, die sich diese Fähigkeit während der Pandemie bewahrten – die gleichzeitig sagen konnten:
„Dieses Virus ist real und für manche Menschen gefährlich“ und
„Diese Reaktion fügt anderen Menschen schweren Schaden zu“ –, waren keine Unentschlossenen, die sich nicht festlegen wollten. Sie waren die Einzigen, die klar dachten.
Die transzendente Funktion ist das, was die Zivilisation braucht, wenn ihre binären Gegensätze alles niederbrennen. Sie beginnt mit der Bereitschaft, die Behaglichkeit der Gewissheit loszulassen und das Unbehagen der Wahrheit auszuhalten.
Quelle:https://kennycarmody.substack.com/p/jungs-transcendent-function-and-movingPersönlicher Kommentar von Hans TolzinDie Brücke zur jeweils anderen Seite kann nicht über die Virusfrage gebaut werden, sondern vielmehr über die Anerkennung, dass sich das Gegenüber wie man selbst dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt, aufgrund eines völlig unterschiedlichen Informationsstandes jedoch zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommt.
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