ZEIT: Sollten sich Deutschland und Europa von russischer Energie unabhängiger machen?
Schmidt: Das kann dabei herauskommen. Klug ist es nicht. Wenn man sich freimacht von aktuellen Überlegungen und ein bisschen in die Zukunft guckt, dann muss man erkennen, dass auch am Ende des 21. Jahrhunderts Russland ein ganz wichtiger Nachbar bleiben wird. Russland war ein wichtiger Nachbar das erste Mal zur Zeit von Katharina II. oder von Peter dem Großen, das zweite Mal beim Versuch von Napoleon, die Russen in die Ecke zu drängen; der kam dann geschlagen aus Moskau nach Hause. Dann gibt es in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Krimkriege, die die Russen verloren haben, aber von diesem Verlust haben sie sich seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts erholt. Und der Westen hat es hingenommen, dass die Russen ihren Marinestützpunkt auf der Krim errichtet haben.
Im Ersten Weltkrieg und im Zweiten Weltkrieg standen die Russen auf der Seite des Westens. Und Deutschland stand auf der falschen Seite. Das vergessen die Deutschen heute. Es ist ganz wichtig, sich daran zu erinnern, dass trotz des Zweiten Weltkrieges die Russen den Hass auf die Deutschen hinter sich gelassen haben. Es gibt keinen Hass im russischen Volk, keine Ablehnung der Deutschen. Es gibt im Übrigen eine Bewunderung für die deutsche Wirtschaft. Die Deutschen haben „den Affen erfunden“ – das ist eine Redensart, die irgendwann in Russland mal gegolten hat.
Und in Deutschland gibt es keinen Hass auf die Russen. Das ist eine fast unglaubliche Verbesserung der Situation zu einem wichtigen Nachbarn.
ZEIT: Muss uns die Geschichte – vor allem die des Zweiten Weltkrieges – Zurückhaltung auferlegen in der Außenpolitik? Gerade gegenüber Russland?
Schmidt: Ganz sicher ist die Frage mit Ja zu beantworten.
ZEIT: Heißt das, wir Deutschen müssen eine andere Russlandpolitik betreiben als die Amerikaner?
Schmidt: Nicht notwendigerweise. Das hängt mehr von den Amerikanern ab als von den Deutschen.
ZEIT: Angela Merkel soll in einem Telefonat mit Barack Obama gesagt haben, Putin lebe „in einer anderen Welt“. Sie kennen Putin, Sie haben ihn zuletzt im Dezember getroffen. Lebt er in einer anderen Welt?
Schmidt: Er lebt in dieser Welt. Er lebt in einer Welt, in der Russland aus vielen verschiedenen Völkern besteht. Das russische Volk ist die große Mehrheit, aber es gibt viele andere Völker innerhalb Russlands, immer noch. Trotz der Auflösung der Sowjetunion.