Sie antwortete sehr keuchend mit dem Wort „schlecht“.
Ich habe ihr gesagt, was gerade passiert ist, und dass ein Auto über den Weihnachtsmarkt gefahren ist, sie sollte doch Bescheid wissen, was hier gerade vor sich ging. Sie schaute mich mit ihren weit aufgerissenen, verängstigten und schmerzerfüllten Augen an. Das Letzte, was ich zu ihr sagte, war: „Mutti, du musst immer schön atmen und immer schön weiter atmen!“ Dann bin ich zu meinen Kindern gegangen. Das war das letzte Mal, dass ich meine Mama lebend gesehen habe, das letzte Mal, dass ich mit ihr gesprochen habe, die letzten Worte, die ich zu ihr gesagt habe, waren, „du musst immer schön weiter atmen“.
Dann bin ich vor meinen Kindern zusammengesackt vor Schmerzen im Becken und Brustkorb und man hat mich sofort auf den Boden gelegt. Ganz schnell kamen Ersthelfer, und auch ein Notarzt war plötzlich da und legte mir einen Zugang an meinem Arm. Man zog mir einiges von meiner Kleidung aus und legte mir eine Beckenschlinge an, weil man den Verdacht hatte, dass mein Becken gebrochen wäre und ich eventuell innere Blutungen haben könnte. Ich lag noch sehr lange auf dem eiskalten Gehweg des Weihnachtsmarktes. Was in der Zeit mit meiner Mama geschah, konnte mir keiner sagen.
Nach etwa einer Stunde wurde ich nach vorne aus der Hartstraße Richtung Ernst-Reuter-Allee auf den Sammelplatz getragen. Dort lag ich noch eine ganze Weile mit vielen anderen Schwerverletzten. Als die Versorgungszelte dann aufgebaut waren, wurde ich mit anderen Personen in ein rotes Zelt getragen. Dort lag ich etwa noch weitere 2 Stunden, bis ein Krankenwagen bereit war und mich in ein Krankenhaus fahren konnte. Zu diesem Zeitpunkt schienen die Krankenhäuser in Magdeburg schon überlastet, und so hat man mich an diesem Abend ins Krankenhaus nach Gardelegen gefahren.
Zu keinem Zeitpunkt konnte man mir sagen, was mit meiner Mama und meiner Schwester war. Die Nacht verbrachte ich auf der ITS in Gardelegen, ohne ein Auge zu schließen. Der Abend lief immer wieder in meinem Kopf ab, und ich konnte noch gar nicht realisieren, was dort eigentlich gerade geschehen war. Die ganze Nacht haben mein Mann und meine Schwester sowie die Krankenschwestern und Ärzte des Krankenhauses versucht, in Magdeburger Krankenhäusern und bei der Polizei durch eine Vermisstenanzeige in Erfahrung zu bringen, wo meine Mama hingebracht worden sein könnte. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: dass meine Mama um kurz nach 20 Uhr auf dem Gehweg am Magdeburger Weihnachtsmarkt gestorben ist.
Alle Reanimationsversuche vor Ort waren erfolglos gewesen. Das Notärzteteam hat alles Erdenkliche versucht, um unsere Mama zu retten. Doch es war vergebens …, ihre inneren Verletzungen waren so schwer und so umfangreich, dass auch die Behandlung in einem Krankenhaus ihr nicht mehr geholfen hätte. Ich muss wohl nicht weiter beschreiben, was unsere drei Kinder an diesem Abend alles gehört, gesehen und erlebt haben.
Dieser Abend hat unser Leben für immer verändert.
Am Samstag, den 21.12., habe ich das erste Mal mit meiner Schwester telefonieren können. Ich fragte immer wieder, ob sie weiß, wo Mutti ist und ob sie sie noch mal gesehen hat. Was sie mir dann erzählte, riss mir den Boden unter den Füßen weg. Als unsere Mama an dem Abend aus der Hartstraße nach vorne auf den Sammelplatz Richtung Ernst-Reuter-Allee getragen wurde, ging es ihr schon sehr schlecht. Meine Schwester war die ganze Zeit an ihrer Seite, hat ihre Hand gehalten, bis sie dort vorne abgelegt wurde, dann sagte meine Schwester mir, dass der Blick unserer Mama plötzlich ganz leer wurde, sie hörte auf zu atmen und reagierte nicht mehr. Meine Schwester fing ganz laut an zu schreien, daher nahm ein Rettungssanitäter sie zur Seite und brachte sie schnell hinter eines der Feuerwehrfahrzeuge. Was danach geschah, durfte auch meine Schwester nicht mehr sehen. Man hat sie nicht noch mal zurück zu unserer Mama gelassen, von daher konnte sie auch nicht wissen, ob Reanimationsversuche erfolgreich waren, oder ob sie sogar noch in einem Krankenwagen in ein Krankenhaus gefahren wurde.