so ohne Maske, eine Schande, man sollte eine wie mich anzeigen.
Eklig. Eine Schande. Anzeigen.
Die Worte wiederholen sich endlos in meinem Kopf. Wie Nadeln dringen sie durch die feinen Risse meines Nervenkostüms und setzen mein Herz in Brand. Ich stehe auf, drehe mich um und schaue dem Mann ins Gesicht. Giftig blitzen mich seine Augen an, seine Maske bläht sich vor Erregung. Er setzt zu einem lautstarken Vortrag über Regeln und Verantwortung an. Hinter ihm sitzt eine alte, unmaskierte Frau und schaut uns mit schneeweissem Gesicht entsetzt zu. Als sich unsere Blicke treffen, dreht sie sich weg. Drei Kinder mit Mundschutz - ein Anblick, den ich sowieso kaum ertrage - beobachten die Szene mit grossen Augen. Der Mann wird in seinem Eifer immer lauter. Ich fühle, wie Wut und Verletztheit in mir hochkriechen und wie ich das Zittern in meinen Beinen zu kontrollieren versuche. Mittlerweile weiss ich, dass ich während solcher Szenen keine Betroffenheit zeigen darf. Wie Hyänen wittern diese Menschen jede Schwäche, fühlen sich durch sie bestätigt und legen noch an Gehässigkeit zu. Es ist ein Phänomen, das mir neu ist und mich erschreckt. Bisher bin ich mit Menschlichkeit immer weit gekommen. Heute prallt sie am anderen ab und fällt wie eine faule Frucht zu Boden. Das Einzige, was solchen Situation die Spitze nimmt, ist, meine Emotionen zurückzuhalten und mein Gegenüber ruhig und bestimmt in seine Schranken zu weisen. Niemand darf so mit mir oder anderen umgehen, das ist in solchen Momenten das Einzige, was zählt.
Erst als ich nach einem kurzen verbalen Schlagabtausch draussen auf dem Bahnsteig stehe und mein Gesicht in die Spätsommersonne halte, schiessen mir die Tränen in die Augen und ich erlaube der Wut durch mein Blut zu rauschen. Zurück bleibt ein Gefühl der Auswegslosigkeit. Diese Welt droht komplett zu entgleisen und nirgends blinkt ein Notausgang.
Ich fühle grossen Respekt vor all jenen Menschen, die aufgrund ihrer Andersartigkeit ihr ganzes Leben mit Diskriminierung zu kämpfen haben und die Welt trotzdem nicht hassen. Wie schaffen sie das nur? Ich fühle manchmal einen flammenden Hass auf diese verrückt gewordene, egozentrische, hypochondrische, überdesinfizierte, ÜBERGRIFFIGE Welt, der trotz ihrer geheuchelten Solidarität die Menschlichkeit immer mehr abhanden kommt. Ich kann es nicht verstehen, was hier massenpsychologisch passiert, ich kann es einfach nicht begreifen.
Abends merke ich, wie ich wieder in mir ankomme, wie sich wieder Leichtigkeit in mir ausbreitet. Ein Freund steht plötzlich mit einer Sonnenblume vor meiner Tür und bringt mich damit zum Lächeln. Später ruft mich mein Liebster an und wir reden über alles, was uns bewegt, ohne irgendwas zurückzuhalten. DAS ist das wirklich Gute an der Sache. Ich weiss heute ganz genau, wem ich mich zeigen, wem ich vertrauen kann - und wem nicht. Die Beziehungen, die diese Gesellschaftskrise überlebt haben oder in ihr entstanden sind, sind feuererprobt. Ich hatte schon immer eine Schwäche für die friedlichen, bunten Unruhestifter dieser Welt und stelle erfreut fest, dass sich der Kreis erweitert.
Dank euch werden einige Risse heilen.
Andere dürfen bleiben, weil ich fest daran glaube, dass diese Welt Empfindsamkeit braucht.
Wie hat es Leonard Cohen so schön formuliert? There is a crack, a crack in everything That's how the light gets in.