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plus.tagesspiegel.deSo ticken die „Querdenker“: Antiautoritär, gebildet – und überwiegend links
Malte Lehming, Christoph von Marschall
10-12 Minuten
Wer sind die Querdenker?
Ihre Anhänger haben offenbar eine überdurchschnittliche Bildung, viele verfügen über einen Doktortitel oder sind Wissenschaftler. Querdenker stammen eher aus dem linken Lager, sind politisch aktiv, gegenüber Staat und Medien ausgesprochen misstrauisch und tendieren eher zu natürlichen Heilmethoden statt zur klassischen Medizin. Das ist ein Unterschied zum rechten Lager, wo sich überwiegend einfache Bildungsschichten treffen.
Woher wissen wir das?
Wir haben keine harten repräsentativen Studien dazu, nur zwei ausführliche empirische Befragungen bei zwei Demonstrationen in Stuttgart und Konstanz, eine durchgeführt von Oliver Nachtwey von der Uni Basel mit immerhin 1150 Befragten, die andere, von der Fallzahl deutlich kleinere, durch Sebastian Koos von der Uni Konstanz. Beide weisen in die gleiche Richtung, die Basler Studie liefert zudem detaillierte Einblicke in Struktur und Denken der Querdenker.
Die Querdenker sind also gebildet, antiautoritär, rebellisch?
Die Mehrheit ja. Dazu eloquent im Disput, staatsfern und wohl eher im Westen beheimatet. Die Proteste gegen Migration hatten ihren Kern im Osten, die Querdenker haben ihn im Westen. Viele sind in Umweltorganisationen aktiv und wählten bisher eher grün.
Was fällt Ihnen bei den Protesten auf?
Sie erinnern bisweilen an Demonstrationen früherer Zeiten gegen Atomkraft oder gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf – nur dass die Teilnehmer älter sind. Man sieht dort Gestalten mit den verrücktesten Verkleidungen. Es hat was von einem Happening – wären da nicht die aggressiven rechten Einsprengsel.
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Grüne, Linke und Hippies haben in der Regel eine Berührungsangst zu Rechten mit Reichskriegsflagge. Warum hier nicht?
Nur eine Minderheit der Querdenker dürfte dem rechten Lager zuzurechnen sein. Mit den Rechten teilen sie allerdings krude Verschwörungstheorien und ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber dem „Establishment“. Manchem Querdenker könnte es wie den Bürgern gehen, die 2015 gegen den Anstieg der Zuwanderung waren, bei den etablierten Parteien aber wenig Gehör fanden und am Ende bei der AfD landeten. Ähnlich bei den Querdenkern. Auch sie finden niemanden im Parlament, der ihre kritische Sicht auf die Corona-Maßnahmen teilt. Allenfalls die FDP, aber die ist zu nah an der Wirtschaft, gegen die Querdenker ja auch deutliches Misstrauen hegen.
Sind die Querdenker die Apo, die außerparlamentarische Opposition, in Corona-Zeiten?
Natürlich sind sie eine Art Apo. 1968 standen alle damals im Bundestag vertretenen Parteien hinter den Notstandsgesetzen. Wer dagegen war, musste sich außerhalb des Parlaments organisieren, jedenfalls wenn einem das Thema sehr wichtig war: So ist das auch heute bei den Querdenkern. Und damit sprengen sie das Links-rechts-Schema. Dieser Protest hat weniger sozioökonomische Motive, sondern eher kulturelle. „Wir gegen die“, wobei das „die“ diesmal nicht „die Kapitalisten“ oder – wie bei der AfD – „die Ausländer“ sind, wohl aber das politische, wirtschaftliche und mediale Establishment.
Nur eine Minderheit der Querdenker dürfte dem rechten Lager zuzurechnen sein
Richard Hilmer
Wenn viele Querdenker aus der früher grünen Wählerschaft kommen und die Grünen regierungsnäher werden, müsste das nicht zu einer Zerreißprobe in der Partei führen? Bisher steigen die Grünen aber in der Popularität.