Widerliche Dystropie - Propaganda im Spiegel
Hallo, kleines Lockdown-Baby!
Der Test unserer Gäste im Flur ist ein ziemliches Hallo. Wenn es das Begrüßungsritual, das alle sich ein Stäbchen supertief in die Nase stecken müssen, bevor sie sich gemeinsam zu Kaffee und Kuchen an den Tisch setzen, nicht ab jetzt gäbe, man müsste es erfinden.
In den Wochen zuvor waren wir so überordentlich mit den Lockdown-Regeln, dass sich die Frage, wie viele Leute man eigentlich treffen darf, nie stellte. Und nun sind wir so aufgeregt, mal wieder andere Menschen zu sehen, dass wir gegen die Regeln verstoßen. Bemerkt habe ich das erst später: Zu Gast sind nicht nur – wie es schon jetzt erlaubt wäre – eine erwachsene Person plus Kind, sondern eine Freundin, ihr Mann und ihr gemeinsames Baby. Vom Treffen zweier Haushalte ist zwar seit Tagen die Rede, es ist aber erst ab Montag wieder erlaubt.
Der Kleine ist vier Monate alt und wir sehen ihn das erste Mal. Ich muss daran denken, dass der Zeitraum, der uns lang vorkommt, für ihn sein ganzes Leben ist. Dieser rundgesichtige blonde Kerl ist ein Lockdown-Baby. Für ihn muss das alles der totale Wahnsinn sein. Die fremden Stimmen, die neuen Gerüche.
Auch unsere Kinder haben mit ihren vier und acht Jahren einen ziemlichen Teil ihres Lebens mit Corona verbracht. Mit Abstand, Masken, Nichtumarmen. Der Kleine ist seit Ende Dezember nicht mehr in der Kita, der Große nicht mehr in der Schule. Wir zwei Erwachsenen sind nicht nur ihre Familie, sondern ihre Lehrerinnen, Spielkameradinnen, Freunde und Freundinnen – und egal wie viel Mühe wir uns damit geben, wir sind in allem schlechter als die Originale. Was für ein seltsames Leben das für ein Kind sein muss.
»Kaffee?« – »Ja, gern.«
Lichtblick im Corona-Kater?
Aber nun sitzen wir da. Gemeinsam um den Tisch. In unserer bei Aldi erkauften Zeitblase Normalität.
»Kaffee?«
»Ja, gern.«
»Mit oder ohne Milch?«
Ein paar Stunden Sicherheit. Wie viel Zeit genau wir haben? Wie hoch die Sicherheit ist? Und ob uns das sicher genug ist? Das wissen wir noch nicht. Was wir aber wissen: Das Treffen ist wunderbar.
Wie oft wir uns diese Tests leisten werden und können, wenn sie ab nächster Woche in vielen Läden frei erhältlich sind. Wie viele Blasen wir uns erkaufen können. Auch das müssen wir noch überlegen. Noch viel wichtiger ist, dass die Regierung auch allen, die für ein Treffen nicht jedes Mal 25 Euro ausgeben können, die Freiheit ermöglicht, sich ein paar Stunden Normalität zu erselbsttesten.
Dieser Tag ist ein wichtiger und wertvoller Lichtblick im endlosen Corona-Kater, eine Erinnerung daran, was wir alle mal hatten. Irre, dass diese Freiheit, dass Kaffee und Kuchen mit Freunden noch vor knapp einem Jahr geradezu albern selbstverständlich war.
Weniger als in der ersten Begeisterung erhofft
Am Abend lese ich nach, was der Schnelltest kann. Im Durchschnitt erkennt er 88 Prozent der Infektionen. Das ist nicht schlecht, denke ich. Dann wird mir klar, dass dieser Wert sich wohl auf die erste Woche nach Symptombeginn bezieht. Ansteckend ist man aber schon davor. Der Test ist nur eine Momentaufnahme. Kann er also wirklich die Freiheit schenken, die wir uns heute genommen haben?
Zwar isolieren wir uns streng, tragen FFP2-Masken (ich habe mir deswegen sogar den Bart abrasiert), treffen Freundinnen, Freunde und Bekannte nur draußen beim Spaziergang. Aber, ob wir beim Einkaufen jemandem zu nahe kommen? Ob wir es übers Herz bringen, die Kinder jedes Mal rigoros genug zu trennen, wenn sie draußen einmal so richtig schön und innig mit anderen Kindern spielen und raufen? Ob wir wirklich jedes Mal die vollen anderthalb bis zwei Meter Abstand halten, wenn wir mit Verabredungen in der Frühjahreskälte auf einer Bank sitzen? Oder ob jemand die neue Virusmutante hat und uns trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ansteckt? All das können wir nicht mit Sicherheit sagen.
https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/mein-tag-mit-dem-corona-test-von-aldi-fuenfmal-freiheit-24-99-euro-a-444630fe-ba93-4905-be3e-c7d10edc82c1